Du schimpfst, wie deine Mutter. Du ziehst dich aus


Anlässlich des aktuellen Interviews in dem Video auf Sat.1 haben mich interessante Fragen erreicht zu dem Thema: "Konflikte und erlerntes Verhalten aus dem Elternhaus." Als Antwort dient dieser Artikel zu den drei wichtigsten Schritten auf dem Weg in eine glückliche Beziehung, trotz unserer alltäglichen Konflikte.

1. Die Bewusstwerdung - Wo kommst du her?

2. Die innere Ausrichtung - Wo möchtest du hin?

3. Der Ausdruck und die Worte - Wie kommst du dorthin, wo du hin möchtest?

Hier kannst du dir den ganzen Artikel in drei Teilen vorlesen lassen (etwa 14 Minuten) :

1. DIE BEWUSSTWERDUNG

Wo kommst du her?

Was hast du von deinen Eltern über den Umgang mit Konflikten gelernt?

Wie wurde bei euch im Elternhaus mit Konflikten umgegangen? Wurden sie offen ausgetragen? Sind die Kaffeetassen durch die Zimmer geflogen bei heftigem Streit, wurde sich angebrüllt und kam es zu verbalen oder körperlichen Übergriffen? Wurden die Konflikte tot geschwiegen, wurde stunden- oder tagelang nicht geredet, sich nicht in die Augen geschaut und eine Kühle verbreitet, die sich wie eine Decke über den Esstisch legte? Haben sich deine Eltern schnell oder langsam oder gar nicht versöhnt? Haben sie sich kühl entschuldigt oder lagen sie sich heulend und emotional in den Armen? Es kann sein, dass wir genau das, was wir bei unseren Eltern im Konflikt nicht mochten, entweder unbewusst selber machen oder ins komplette Gegenteil rutschen. Ich beobachte auch, das wir Partner anziehen, die uns diese Themen, so lange sie ungelöst und unbewusst bleiben, wieder ins Leben bringen.

Wie möchtest du heute sein? Wie möchtest du mit Konflikten in deinen heutigen Beziehungen umgehen?

Ich vertrete hier eine sehr pragmatische Herangehensweise. Ich bin dafür, dass wir uns ganz praktisch auf das ausrichten, was wir an Konfliktfähigkeit nachholen und erlernen möchten. Es ist wichtig, nicht bei der Erkenntnis stehen zu bleiben, was im Elternhaus schief gelaufen ist - damit bringt man sich nur selbst in eine hilflose Opferrolle. Mit der Erkenntnis über dessen, was wir schon können und das, was wir noch nicht gelernt oder ungünstiger Weise übernommen haben, fängt die Reise erst richtig an. Durch dieses Erkennen sind wir dem, was uns im Streit an destruktiver Kraft überrennt, nicht mehr hilflos ausgeliefert. Wir können uns ab jetzt bewusst in unseren gegenwärtigen Beziehungen neu auf das ausrichten, was wir als Erwachsene wirklich wollen.

Paare, die ihre Beziehungsqualität als gut bezeichnen, streiten sich erstaunlicher Weise ähnlich häufig wie Paare, die ihre Beziehung als unbefriedigend beschreiben. Nur die Art sich zu streiten unterscheidet sich. Unzufriedene Paare streiten sehr destruktiv, verstricken sich in Vorwürfen und werden persönlich beleidigend. Es werden im Streit tiefe Wunden zugefügt, die nicht mehr heilen. Bei zufriedenen Paaren ist der Streit zwar auch emotional, aber die Paare zeigen sich offener mit dem, was sie brauchen, was sie stört und was sie sich anders wünschen. Die Unzufriedenheit wird weniger als Waffe gegen den anderen eingesetzt sondern als Wunsch nach Veränderung gezeigt.

Ich habe selbst bei meinen Eltern nie erlebt, wie sie miteinander wütend waren. Wenn ich mal Wut gezeigt habe, wurde mit Ablehnung reagiert. Ich habe mir früh abgespeichert, Wut ist schlecht und führt zu Ablehnung. Seitdem ich etwa 9 Jahre alt war, wurde ich nicht mehr wütend. Wenn mich etwas hätte wütend machen können, dann wurde ich stattdessen traurig. Ich hatte Wut gegen Trauer eingetauscht - denn die Trauer bekam niemand so richtig mit und ich musste mich mit meinen Gefühlen nicht zeigen. Ich fand erst viel später, mit 24 Jahren, wieder Zugang zu meiner Wut und konnte darin einen Schatz erkennen, den ich als Preis für die Anpassung an meine Eltern aufgegeben hatte.

In meiner Wut steckt die Kraft, mich aus Situationen zu lösen, die für mich nicht gut sind. In meiner Wut steckt die Kraft, für mich einzustehen. In meiner Wut steckt die Kraft, ein klares "nein" zu sagen zu Dingen, die mir nicht entsprechen. In meiner Wut steckt die Kraft, "nein" zu sagen, obwohl alle anderen "ja" sagen oder "ja" zu sagen, obwohl sonst keiner zustimmt. In meiner Wut steckt Klarheit. Ich entdeckte zusätzlich, dass ich mit der Erlaubnis, meine Wutkraft zu leben, auch plötzlich wieder spontaner, lustiger, schlagfertiger und kreativer im Gespräch wurde, so wie ich das noch aus meiner Kindheit kannte.

Und ja, Wut hat zwei Seiten. Wut ist eine Kraft und diese ist sehr stark. Die Angst davor ist nicht unbegründet. Mit Wut können wir verletzen, wir können zerstören, wir können uns und anderen mit Wut großen Schaden zufügen. Doch wenn wir diese Kraft bewusst einsetzen in dem Moment, in dem sie gebraucht wird und wir damit nicht zu lange warten, sondern sie direkt auf das fokussieren, wofür wir sie brauchen, dann ist sie ein sehr wertvolles, fast heiliges Werkzeug.

Aufgestaute Wut wird immer schwerer sinnvoll zu nutzen und auf ein Ziel zu fokussieren, je länger sie sich schon anstaut. Daher können wir Wut auch nicht gut für spätere Momente aufbewahren. Wir können sie aber in dem Moment, wo sie auftaucht klar auf unser Ziel ausrichten und diese Kraft der Ausrichtung bleibt uns auch für spätere Momente erhalten. Doch die Wut zu unterdrücken oder wegzurationalisieren, ohne diese richtig gefühlt, verstanden, genutzt und fokussiert zu haben, funktioniert nicht.

Wie bei allen Gefühlen, wie bei Wut, Trauer, Freude, Scham und Angst, ist es sinnvoll, sie in dem Moment, wo sie auftauchen, bewusst wahrzunehmen. Innerlich zu sagen: „Ah, da ist Wut“, „Ja, ich bin wütend“, „was möchte ich mit dieser Kraft machen?“, „Wozu ist sie mir dienlich?“.

2. DIE INNERE AUSRICHTUNG

Wo möchtest du hin?

Meine Reise zur Wut fing an, als ich mich im Studium aus sehr schweren Lebensumständen auf die Bahamas flüchtete, dort in einem Yoga Ashram für vier Monate arbeitete und mich zur Yogalehrerin ausbilden ließ. In den Meditationen und im Yoga fand ich erneuten Zugang zu dieser "Kraftquelle Wut" und wurde ohne äußeren Grund immer wieder nachts wachgehalten, weil mein ganzer Körper vor Wut vibrierte. Ich hatte viele Jahre aufzuholen, um diese Kraft kennen zu lernen und meinen eigenen Umgang damit zu finden. Es fühlte sich an, wie das Erlernen eines Schwertkampfes.

Ohne Wucht hat das Schwert kaum Kraft, doch wenn man das Schwert nicht richtig führen kann, kann viel Kraft sehr gefährlich sein. Ich spürte viel Kraft und übte nun das Führen des Wut-Schwertes, um damit nicht zu verletzen.

Meine Wutkraft war, als ich sie mit 24 Jahren wieder entdeckte, gerade mal 9 Jahre alt. Mir dies bewusst zu machen half mir, immer wieder mit mir geduldig zu sein und mich in Ruhe üben zu lassen. Ich arbeitete an mir selbst auf einer sehr emotionalen Ebene, fühlte in mich hinein, spürte diese Kraft in unterschiedlichen Bereichen in meinem Körper und übte diese aufzulösen, zu verstärken und zu fokussieren. Gleichzeitig suchte ich immer wieder nach Antworten, wofür brauchen wir diese Kraft, wie können wir uns ganz ehrlich in Beziehungen selbst ausdrücken, ohne andere damit zu verletzen? Wo sind meine Grenzen und wie halte ich diese? Ich fragte mich: Vielleicht brauchen wir auch gar keine Wut, wenn wir immer klar sind, wenn wir immer rechtzeitig sagen, was wir brauchen und andere ernst nehmen in dem, was sie brauchen? Aber, und jetzt kommt es, so sind wir Menschen nicht! Wir finden unsere Grenzen in Beziehungen immer wieder neu, indem wir sie antesten, leicht übertreten und uns immer wieder neu ausrichten.

Wir Menschen wachsen zu jedem Zeitpunkt weiter, wir wandeln und wir verändern uns. Wir sind nichts Statisches, wir sind dynamisch. Wir können nicht auf in Stein gemeißelte Erfahrungen zurückgreifen und sagen, „ja, vor einem Jahr war das okay, also muss es das jetzt auch noch so sein“. Was für uns jetzt gerade gut und richtig ist, ist es morgen in ähnlichen, aber eben nicht ganz identischen Umständen vielleicht nicht mehr. Und daher brauchen wir immer wieder in dem gegenwärtigen Zeitpunkt eine neue, ehrliche Verbindung zu uns selbst und zu unserem Gegenüber. Je präsenter diese Verbindung zu uns selbst und zu unserem Gegenüber ist und je bewusster wir und unser Umfeld mit Beziehungen umgehen, umso weniger Wut brauchen wir.

Doch solange wir so sind, wie wir Menschen jetzt sind und es im Alltag ganz realistisch nicht schaffen, immer präsent, einfühlsam und klar zu sein, so lange ist Wut ein sehr wertvolles Werkzeug. Und solange wir keine Heiligen sind, bin ich sehr dafür, dass wir dieses Wut-Schwert führen lernen. Dann hilft es uns zu wachsen, dann hilft es uns, in unsere Klarheit hinein zu kommen, dann hilft es uns, uns auf das zu fokussieren, was wir wollen. Und hier ist wohl der größte Unterschied zwischen destruktiver Wut und fokussierter Wut - nämlich die Ausrichtung. Richten wir sie auf das, was wir nicht wollen, was wir schlecht finden, wovor wir Angst haben, was wir an anderen nicht mögen oder sogar hassen, dann stecken wir genau da unsere ganze Energie hinein. Es hilft uns stattdessen viel mehr, unsere ganze Wut-Energie dahin zu richten, wo wir hin wollen.

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit. Klare Wutkraft kann leise sein, klare Wutkraft kann laut sein, klare Wutkraft kann die Erde zum Beben bringen, klare Wutkraft kann uns selbst und andere Menschen dazu bringen, hinzuhören, hinzuschauen und zu handeln.

3. DER AUSDRUCK UND DIE WORTE

Wie kommst du dorthin, wo du hin möchtest?

Worte die auf das ausgerichtet sind, wo wir hin wollen:

Stop, das hier ist mein Raum! Das hier ist mir wichtig! Ich brauche das! Ja, dieses Bedürfnisse nach … ist mir wichtig! Es ist mein Körper und ich entscheide, wo meine Grenze liegt! Ich bitte dich, dass du mir zuhörst! Ich möchte, dass du da bist! Ich möchte, dass wir da gemeinsam hingehen! Mir ist eine saubere Küche wichtig, damit ich mich wohl fühle! Ich möchte endlich frei sein! Ich möchte Geld haben! Ich brauche Veränderung! Hilf mir! Mir ist es wichtig, dass ich mich auf dich verlassen kann! Ich brauche Ruhe!